David Byrne reißt die Berliner von den Sitzen

Via Berliner Morgenpost

By Peter E. Müller

Mehr als 30 Jahre ist es her, genau genommen war es im Juni 1978, als man den Sänger David Byrne mit seiner furiosen Kunststudenten-Band The Talking Heads erstmals in Berlin bestaunen konnte. Im Kant-Kino war das, jenem Kinosaal, der durch seine drei Jahre als Konzertclub zu einer Berliner Rock-Legende wurde. Wie auch viele der Bands, die dort auftraten. Obwohl Byrne die Talking Heads bereits 1991 auflöste, obwohl er sich als Solist längst von seiner Vergangenheit gelöst hat, haftet dem mittlerweile 56-jährigen Schotten aus New York immer noch der Talking-Heads-Mythos an. Er weiß das. Und er weiß das mit der ihm eigenen Noblesse und Ironie in sein Gesamtwerk einzuflechten. Wie jetzt am Montag Abend bei seinem neuerlichen Berlin-Gastspiel im Tempodrom.

Nicht nur die Haare sind inzwischen schlohweiß, die komplette Bühnengarderobe der Musiker und Tänzer ist diesmal so weiß, weißer geht’s nicht. Das Ganze hat in seiner optischen Reinheit etwas sektenhaft esoterisches, aber freilich nur so lange, bis die Musik einsetzt. Die rankt sich um das neue Album„Everything That Happens Will Happen Today“, das Byrne nach längerer Abstinenz wieder gemeinsam mit Elektronikpoet Brian Eno eingespielt hat. Mit Eno entstanden in den achtziger Jahren auch einige Talking-Heads-Platten. Er ist freilich nun nicht mit auf Tournee, sondern mit seiner neuen, dem Futurismus huldigenden Licht- und Toninstallation „Presentism: Time and Place in the Long Now“ in eigener Sache andernorts unterwegs. Und überlässt dem Freund die Popbühne.

Nun ist ein Abend mit David Byrne nicht unbedingt ein Popkonzert gängiger Machart. Es ist eine rhythmische, eingängige, höchst tanzbare Musik, in die aber immer wieder kunstvoll zelebrierte Ecken und Kanten, Überraschungen und Überrumpelungen eingearbeitet sind. Nicht immer ist alles, wie es scheint. Und schon gar nicht „same as it ever was“, wie es im Talking-Heads-Stück „Once In A Lifetime“ heißt. Mit Perkussionist Mauro Refosco und Drummer Graham Hawthorne sorgen gleich zwei Schlagwerker im Verein mit Bassist Paul Frazier für den rhythmischen Unterbau, Keyboarder Mark Antonikomplettiert die versierte Band, die Gitarrist und Sänger Byrne den Rücken stärkt. Dazu kommen noch drei Chorsänger und drei Tänzer, die im Verlauf des Abends die weite Bühne des Tempodrom erkunden und erobern, wie es die Compagnie von Sasha Waltz gerade mit dem Neuen Museum tut.

Das gut zur Hälfte besuchte Tempodrom ist bestuhlt. Doch diese Musik ist nichts zum Stillsitzen. Das macht Byrne im weißen Anzug gleich zu Beginn klar, als er mit dem funkgetriebenen „Strange Overtones“ vom neuen Album diese formidable Show eröffnet, die den Titel „Songs of David Byrne and Brian Eno“ trägt. Ganz Neues wolle er spielen, und ganz Altes, dazwischen gäbe es ja nicht viel, da klaffe eine große Lücke. Es sei „good to be back“ meint er noch und bedauert, dass er gleich nach dem Konzert weiterreisen muss nach Utrecht und so die Nacht nicht in Berlin verbringen kann. Dann aber spricht nur noch die Musik.

Seit dem Ende der Talking Heads Anfang hat sich der umtriebige David Byrne den Sounds und Rhythmen Brasiliens und Afrikas gewidmet, hat osteuropäischer Folklore und kubanische Lebenslust erkundet. Er hat dafür mit „Luaka Bop“ ein eigenes Plattenlabel gegründet. Er hat Ballettmusiken geschrieben für Choreografin Twyla Tharpe („The Catherine Wheel“), Songtexte für Komponist Philip Glass, Bühnenmusik für Theatermann Robert Wilson („The Civil Wars“) und gemeinsam mit Riuchi Sakamoto den oscarveredelten Soundtrack zu Bertoluccis „Der letzte Kaiser“ komponiert. Er ist ein kulturversessener Grübler, ein avantgardistischer Rockmusiker, der so charmant ungelenk über die Bühne tänzelt, als müsse er den vielen Ideen ausweichen, die auf ihn einstürmen.

Gleich beim zweiten Song des Abends, „I Zimbra“, jener grandios kuriosen Vertonung eines Dada-Gedichts von Hugo Ball, hält es die ersten nicht mehr auf den Sitzen, und immer wieder tauchen die drei Tänzer auf, hasten wie eine Augsburger Puppenkiste auf Speed über die Spielfläche, interagieren mit den Musikern, animieren die Chorsänger. Mal winden sie sich auf Bürostühlen, mal umwirbeln sie Byrne mit E-Gitarren. Alles wird zu einer einzigartigen Gospel-Soul-Funk-Pop-Inszenierung, bei der schon bald das ganze Tempodrom auf den Beinen ist. Es gibt ja auch viel Vertrautes. Once In A Lifetime“ beispielsweise und „Heaven“, die Ballade, die Byrne bei seinem Konzert vor ein paar Jahren in der Passionskirche von der Kanzel herunter geschmachtet hat, „Take Me To The River“ und natürlich „Burning Down The House“.

Was für ein beglückender Abend mit einem in Würde gereiften Entertainer, der es sich mit Augenzwinkern sogar leisten kann, zum Finale im Tütü zu erscheinen – und sein ganzes Bühnenpersonal gleich mit. Ovationen prallen ihm entgegen, bis Byrne und sein großartiges Ensemble sich mit der dritten und letzten Zugabe, der Ballade „Everything That Happens Will Happen Today“ endgültig verabschieden. Applaus!

December Radio David Byrne Presents: Arabia

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