Schaut auf diese Hände!

Via Frankfurter Allgemeine

By Hannes Hintermeier

Er wolle ein paar ältere Sachen spielen und ein paar neuere, dazwischen sei ja nichts. So laute nun mal das Dogma, und daran wolle er sich halten. Die freundlich vorgetragene Ansage des weißhaarigen, drahtigen Herrn ist meterdicke Selbstironie. Denn sie rührt an das Missverständnis, gegen das der in vielen Kunstgattungen tätige Wahl-New-Yorker vergeblich ankämpft: Dass er nämlich Talking Heads sei und bleibe. Auch wenn sich die Band vor achtzehn Jahren aufgelöst hat und David Byrne seither zu einem Oscar-prämierten Handlungsreisenden in Sachen Film- und Weltmusik geworden ist, der sich auch der Fotografie und Videokunst widmet. Wenn Byrne also seine Jugendwerke spielt, macht er das nicht, weil ihm nichts anderes einfiele.

„This groove ist out of fashion / these beats are 20 years old“ heißt es denn auch bündig in „Strange Overtones“, dem funkigsten, tanzbarsten Stück der neuen Platte„Everything That Happens Will Happen Today“, mit der Byrne das Frankfurter Konzert eröffnet. Zwei Schlagwerker, Bass, Keyboards, drei Background Vocals und drei Tänzer bilden die Truppe, komplett weiß gekleidet: das freundliche Praxisteam von Dr. med. David Byrne begrüßt Sie in der Alten Oper. Der Herr Doktor selbst kommt mit Biesenhemd und Manschettenknöpfen, eine gleißend weiße E-Gitarre umgehängt. Wie es sich für einen guten Arzt gehört, spricht er erst einmal mit dem Publikum. Erklärt, was er vorhat. Im Laufe der Audienz wird er allerdings mehrmals die Erwartungshaltung der an seinen Lippen hängenden Best-Ager unterlaufen. Dies ist kein Konzert der Talking Heads, auch wenn in der stimmigen Mischung das ältere Material überwiegt.

Ein mildes, heimeliges Mittelalterswerk

Brian Eno, Weggefährte der Talking Heads als Komponist und Produzent, ist der große Abwesende. Denn einer Wiederbegegnung mit ihm verdankt sich Byrnes erneuter Abstecher in den Pop; die Herren haben via E-Mail eine Platte gemacht. Eno hat aus London seine Instrumentals geschickt, Byrne schrieb Texte dazu. Ein Prozess, der sich über einige Jahre hinzog, ohne Erfolgsdruck. Entstanden ist ein Mittelalterswerk: milder, heimeliger, stärker an der Gestaltung des klassischen Songs interessiert als an dessen Fragmentierung. Thematisch kreist es sehr weitläufig um das Thema Heimat in unserem elektronischen Weltdorf.

Byrne übt sich in Bescheidenheit, wirkt gelegentlich sogar gelöst. Rockstargesten ironisiert er mit einem Ruckeln seines scharf gezeichneten Kopfs. Zu „Help Me Somebody“, ein Stück von der stilbildenden, zusammen mit Eno aufgenommenen Platte „My Life In The Bush of Ghosts“, das die Stimme des Radiopredigers Reverend Paul Morton als Sample verwendet, sagt er bescheiden: „Wir waren nicht die Ersten, die gefundene Stimmen verwendeten, aber vielleicht die Ersten, die eine ganze Platte daraus gemacht haben.“

Nach zwei Stunden ist die Audienz beendet

Und dann fiept und zirpt es los, die zwei Perkussionisten legen einen polyrhythmischen Teppich aus, auf dem „Houses In Motion“ ausgebreitet werden. Das fünfte Stück erst, aber schon beginnt die Generation Wiedeking im bestuhlten Parkett zu zucken, formt die Lippen zum Refrain. Aber der Doktor ist noch bei der Anamnese und schrammelt mit vier Akustikgitarren augenzwinkernd „My Big Nurse“, sentimentalen Heimatkitsch. Das Bühnenpersonal folgt dabei einer strengen Regie. „Trying to act casual“ - sich beiläufig zu verhalten, wie in „Crosseyed And Painless“ behauptet -, das sieht die Choreographie nicht vor. Die Sänger, Instrumentalisten und Tänzer interagieren, bewegte Körper ergänzen und illustrieren die Musik. Bestechend, weil ähnlich ungerührt und doch versunken wie der Frontmann, wirkt vor allem Lily Baldwin.

Der Perfektionist Byrne überlässt nichts dem Zufall, die Show ist bis auf kleinste eckige Bewegungen seiner rechten Hand komponiert, inklusive von artistischen Einlagen wie der Grätsche, bei der Byrne als Bock dient. Aber der demnächst 57 Jahre alte Musiker ist nicht nur physisch auf der Höhe. Die Gassenhauer - „Born Under Punches“, „Once In A Lifetime“ und „Burning Down The House“ - verschleift er zum Auftakt, zerhackt zunächst die Grundstruktur. Erst dann lautet sein Signal: Schaut auf diese Hände! Nach zwei Stunden ist die Audienz beendet. Befund: Die Songs aus den Jahren 1978 ff. belegen, dass im schnelllebigen Musikgeschäft ein Altern in Würde möglich ist. Auch wenn David Byrne für den Rest seines Künstlerlebens mit seinem persönlichen Dogma leben muss.

December Radio David Byrne Presents: Arabia

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