Vordenker mit Kultfaktor

Via Eklinger Zeitung

By Ole Detlefsen

Stuttgart - Die Farbe Weiß, so besagt es die Lehre der Farbpsychologie, ist eine der Überfarben - steht für Exklusivität, für etwas Besonderes. Zudem symbolisiert sie das Ideale, Unschuld, Wahrheit, Klugheit und nicht zuletzt den Neuanfang. Es kann demnach kein Zufall sein, dass David Byrne sich selbst, der Band, dem Chor und den Tänzern für seinen Auftritt in der Stuttgarter Liederhalle die Farbe Weiß verordnet hat. Outfit, Instrument und im Falle des Frontmannes auch die Haare - die Bühne leuchtet in vollkommener Reinheit. Das hat fast schon etwas Spirituelles, stünde dort oben nicht ein Vordenker der New-Wave-Bewegung, der einst mit seiner Ex-Band Talking Heads das lärmende Drei-Akkord-Muster des Punk aufbrach und nervöse, zappelnde Funk-Beats und düstere Ethno-Einflüsse untermischte.

Türen auf zum Pop-Experiment

„Songs of David Byrne and Brian Eno“ verspricht das Programm, der Kultfaktor könnte kaum höher sein. Tatsächlich hat der Sound-Frickler voller Gnaden, Roxy Music-Mitbegründer und Ambient-Pionier Eno, in den Jahren 1978 bis 1980 drei Alben der Talking Heads produziert, bevor er mit Byrne das epochale Werk „My Life in the Bush with Ghosts“ aufnahm. Mittels Cut-up- und Sampling-Techniken verbanden sie Stimmen, Geräusche, rhythmische Elemente und Klanglinien zu Collagen, die bis zu diesem Zeitpunkt nur von Komponisten wie John Cage, Karlheinz Stockhausen oder Steve Reich eingesetzt wurden. Damit stießen sie dem Pop eine Tür auf, durch die Heerscharen von Tüftlern schritten, die fortan auf der Spielwiese der klanglichen Vielfalt herumtollten. Im Jahr 2008 fanden die beiden erneut zusammen, Ergebnis dieser Kooperation ist das Album „Everything That Happens Will Happen Today“. Sechs der elf neuen Songs hat Byrne in sein Programm eingestreut. Sie wirken aufgeräumt, entspannt, wie zum Beispiel das folkige „One Fine Day“, das sich durch seine mehrstimmige Vokallinie direkt in den Gehörgang klebt. „My Big Nurse“ schwebt sanft säuselnd durch den Raum und „Life Is Long“ wird durch seine originelle Choreografie zum Gesamtkunstwerk: Byrne und die Tänzer drehen sich auf Bürostühlen sitzend, im Takt der luftigen Melodie, geben einen rollenden Reigen.

Nein, um Effekte ist der 56-Jährige nicht verlegen, sein Hang zu Pathos und Theatralik hat seine Shows schon früh geprägt. Aber Byrne verfügt darüber hinaus auch über einen Sinn für Ästhetik und Dramaturgie. Diese Mischung verleiht dem Geschehen auf der Bühne Spannung. Es gibt viel zu entdecken für Auge und Ohr, vor allem dann, wenn der treibende Ethno-Beat der Rhythmusgruppe vom Bewegungsensemble in experimentelle Figuren umgesetzt wird. Werke wie „Houses In Motion“ oder „Once In A Lifetime“ werden so zu einer Art Ritual. Hohepriester Byrne beschwört wortreich seine Gemeinde, führt bei „Born Under Punches“ ein magisches Zwiegespräch mit den Backvokalisten, setzt Gitarren-Tupfer, zerhackt den butterweichen Bassteppich durch rasierklingenscharfe Funkriffs, stürzt in die Choreografie, um gleich darauf wieder am Bühnenrand zu stehen, um sein Parlando fortzusetzen.

Der Frontalangriff auf die Sinne drückt das Publikum zunächst in die Bestuhlung. Erst spät, bei dem hibbeligen „Cross-eyed and painless“ kommt Bewegung in die Anhängerschar. Sie lassen sich in das dichte Soundgewebe fallen und bei dem vorletzten Stück des Abends, „Burning Down The House“, hält es niemand mehr auf den Sitzen. Dass der Song mit Brian Eno so gar nichts zu tun hat, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt und trübt nicht den Eindruck, einen ganz besonderen Konzertabend erlebt zu haben.

December Radio David Byrne Presents: Arabia

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