Jeder Tag ein Wunder

Via Der Tagesspiegel

FOTO: JEFF WHEELER/IMAGO/ZUMA PRESS

VON NADINE LANGE

Katastrophen, Kriege, Koalitionskräche – manchmal scheint nur Schlimmes auf der Welt zu passieren. Gute Nachrichten gibt es natürlich trotzdem, doch die fallen oft nicht so auf. Man muss ein bisschen suchen. David Byrne macht das leidenschaftlich gern. Er sammelt „Reasons to be cheerful“ und berichtet in Vorträgen über diese Gründe, fröhlich zu sein. Ein Bibliotheksprojekt in einer brasilianischen Favela, ein republikanischer Bürgermeister, der seine texanische Stadt auf Windenergie umstellt, solche Sachen.

Im Januar war der 66-Jährige mit dieser Show in Berlin zu Gast. Und so überzeugend die von ihm damals angeführten Gründe zum Fröhlichsein gewesen sein mögen, sein bestes Argument war erst am Mittwochabend im Tempodrom zu hören: hundert Minuten musikalische Freude. Das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft? Spätestens beim dritten Song vergessen. Den gesamten Innenraum reißt es von den Stühlen, viele Fans verlassen die Ränge, um zum schnellen polyrhythmischen Puls von „I Zimbra“ zu tanzen. Der Song mit dem Dada-Text war für die Talking Heads 1979 die Blaupause ihres stark von afrikanischen und afroamerikanischen Einflüssen geprägten Sounds, den sie in den Folgejahren perfektionierten. Mit „Slippery People“ folgt im fast ausverkauften Tempodrom gleich ein weiteres Stück aus dieser goldenen Zeit von Byrnes einstiger Band.

Die Band bewegt sich nach choreografierten Mustern

Deutlich sucht er die Verbindung zu dieser Epoche, was schon mit seinem hellgrauen Anzug beginnt, der an sein Outfit aus dem legendären Konzertfilm „Stop Making Sense“ erinnert. Einmal taumelt er ähnlich pseudo-angeschossen über die Bühne wie damals bei „Psycho Killer“, das er allerdings weglässt. Dafür ist die Show nicht minder ambitioniert als das 1983 von Jonathan Demme gefilmte Konzert zum „Remain In Light“-Album. Denn die aus elf Musikerinnen und Musiker bestehende Band trägt ebenfalls graue Anzüge. Mit umgehängten Instrumenten bewegen sie sich über die von einem Fadenvorhang gerahmte Bühnenfläche, die ganz ohne Aufbauten auskommt. So ist Platz für die streng durchchoreografierte Formation der Gruppe. Mal laufen die überwiegend trommelnden Bandmitglieder in Zweierreihen abwechselnd vor und zurück, mal bilden sie Kreise, Linien oder Wuselmuster. Wie ihr Chef sind die meisten barfuß. Die Backgroundsängerin und der Backgroundsänger tanzen zudem gern ihre Extraründchen oder sie fuchteln synchron mit Byrne in der Luft herum. Diese einfache Art der Inszenierung, die auch nur sparsam mit Lichteffekten arbeitet, ist ungemein kurzweilig und packend. Wobei schon Kleinigkeiten zu Wow-Effekten führen, wenn etwa eine an den Bühnenrand geschobene Lampe einen riesigen Schatten von Byrne erzeugt.

Der weißhaarige New Yorker, der ein Headset benutzt, ist ständig unterwegs und dabei erstaunlich leichtfüßig, er hüpft und biegt sich. Sein Anzug, den er erst bei den Zugaben aufknöpft, ist am Ende völlig durchgeschwitzt, die Nähte unter den Achseln aufgerissen. Fahrradfahren hält offenbar fit – im Foyer werden seine „Bicycle Diaries“ verkauft. Ebenfalls im Angebot: Vinylausgaben von „American Utopia“, sein im März erschienenes erstes Soloalbum seit 2004. Wieder mit Unterstützung seines alten Kumpels Brian Eno aufgenommen, schlägt es ebenfalls einen Bogen in die Talking-Heads-Zeit.

Alles wird live gespielt, betont Byrne

Sieben der zehn Stücke stehen in Berlin auf dem Programm und können ganz gut mithalten mit dem Klassikermaterial. „Everbody Is Coming To My House“ ist in seiner feinen Funkyness sogar ein kleiner Höhepunkt in der ersten Konzerthälfte – und führt nebenbei nochmal eine der Inspirationsquellen für LCD Soundsystems „Daft Punk Is Playing At My House“ vor. Schade nur, dass in der Band keine Bläser sind – der Saxofon-Part wird vom Keyboarder übernommen. Byrne betont später, dass wirklich alles live und nichts vom Rechner dazugespielt wird.

Das Leise-Krachig-Wechselspiel von „I Dance Like This“ kommt im Konzert um einiges ruppiger, aber auch interessanter rüber als auf dem neuen Album. Und auch „Every Day Is A Miracle“, das wegen seines Quatsch-Textes auf Kopfhörern eher nervt, berührt in seiner beseelten Dur-Trunkenheit plötzlich. David Byrnes Leidenschaft steckt an, zudem singt er gut, wenn auch der Sound von einer gewöhnungsbedürftigen Wattigkeit ist.

October Radio David Byrne Presents: Salsa, son y mas

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